Samstag, 9. März 2013

Afrika Afrika IV

Über Addis nach Lalibela

Diesmal geht es mit dem Bus zurück von Hawassa nach Addis Abeba und wir sind froh auf dem Hinweg das Auto genommen zu haben - die Fahrt ist lang (ca. 7 Stunden, davon bestimmt 2 alleine im Verkehr von Addis selber) und ereignislos, naja fast. In Ziway stoppen wir für eine Mittagspause und als wir vor dem Bus warten, dass es wieder weiter geht, werden uns natürlich wieder viele Dinge (Bananen, Taschentücher, Kaugummis,...) zum Kauf angeboten. So weit, so gut. Bis ein Bettler (auch das ist eigentlich nichts ungewöhnliches) sich neben mich stellt und Geld haben will. Nachdem ich ihn ignoriere kommt er immer näher und plötzlich legt er seine Arme um mich, zieht mich zu sich und will mich küssen. Sofort zieht David mich weg, die anderen Umstehenden heben Steine hoch (sie werfen nicht) und verjagen den Bettler. Das alles dauert nur ein paar Sekunden, aber ist ein ganz schöner Schock für mich. Wieder im Bus schiebe ich Panik und durchforste den Reiseführer nach Krankheiten, die über Berührung und Luft (immerhin kam er mir mit dem Mund sehr nahe) übertragen werden können. Ich könnte Diphterie, Meningokokken Meningitis oder Tuberkulose haben - zum Glück bin ich gegen die meisten Dinge geimpft. Wie gesagt, Panik!!! Dabei habe ich sonst eigentlich bisher keinerlei Berührungsängste gehabt und meine Angst galt nur Malaria (jaja, hier war ich dafür dann leicht paranoid), aber dieser Mann sah einfach schon nach Krankheit aus. (Panik, Panik, Panik!) Und auch wenn ja gar nichts passiert ist, ist dies der erste Punkt auf der Reise an dem ich keine Lust mehr habe, keine Lust mehr immer im Mittelpunkt zu stehen, immer aufzufallen, immer aufpassen zu müssen. Wieder in Addis will ich nur noch schlafen und meine Ruhe haben, aber das Backpacker, welches wir uns im Lonely Planet rausgesucht haben, ist schon voll und so landen wir in "Rose Pension" - nicht die schönste Unterkunft, aber für eine Nacht reicht es. Achja, übrigens war das unser Heiligabend, frohe Weihnachten zusammen!

Am nächsten Tag bin ich morgens immer noch nicht in bester Stimmung, aber das ändert sich zum Glück schnell. Am Flughafen treffen wir Tina aus Ägypthen, Hebrid aus Kanada/England (mit äthiopisch-eritreischen Wurzeln) und ihrem Freund Chris aus England. Matt hatte uns die Nummer von Tina gegeben und wir hatten uns für einen gemeinsamen Trip in den Norden verabredet. 

Nach kurzem Flug landen wir in Lalibela, der wohl touristischsten Stadt des Landes - hier sehen wir auch wirklich fast mehr Weiße als Schwarze, was insbesondere im Vergleich dazu, wie wenig Weiße man sonst sieht, echt außergewöhnlich ist. Und hier wünscht uns auch jeder "Merry Christmas" - in Äthiopien ist Weihnachten eigentlich erst im Januar, aber hier ist man eben auf die Touristen eingestellt.Nach kurzem Stop in unserem Hotel, dem "Asheton" (wo wir, nebenbei bemerkt, die erste warme Dusche haben seit wir hier sind, was ein Genuss!) treffen wir unseren Guide und starten unsere Zeitreise ins 12./13. Jahrhundert: Das historische Lalibela! 

Der Legende zufolge trat König Lalibela, nachdem er von seinem Halbbruder vergiftet wurde und im Koma lag, eine Reise in den Himmel an (bzw. in anderen Versionen nach Jerusalem) und erhielt von Gott den Auftrag, ein zweites Jerusalem zu erbauen. (Quelle: Lonely Planet Ethiopia & Eritrea, 2009) Obwohl die 11 Kirchen namentlich Jerusalem wiederspiegeln, ist der Baustil ein ganz anderer und sehr beeindruckender! Die Kirchen sind allesamt aus dem Stein hinaus gemeißelt und erhalten wahnsinnig viele Details, die alle eine religiöse Bedeutung haben, welche unser Guide uns verrät.
Lalibela ist nach wie vor eine Pilgerstätte für gläubige Äthiopier und ich finde es toll, dass Lalibela für Touristen Eintritt kostet (für äthiopische Verhältnisse sogar relativ viel), aber für Äthiopier selber umsonst ist!


Eine der schonmal früher beschriebenen "Unterkünfte" für z.B. Nachtwächter



Fruchtbarkeitsbad! Einmal im Jahr, am äthiopischen Weihnachten, können Frauen, die erfolglos versuchen schwanger zu werden, hier ihr Glück versuchen.



Hier hat David aus einem Teil der Kirche fotografiert, in den wir Frauen nicht rein durften ...

... deswegen stehen wir Frauen alle vor dem Eingang und versuchen reinzugucken :)








Diese Mauer führt direkt in den Himmel :-p  Wer ohne zu fallen oben ankommt, hat nen Platz im Paradies garantiert.

Auf die Frage, ob man den Blitz beim Fotografieren benutzen dürfe, holte dieser Mönch ganz cool seine Sonnenbrille raus.


Auf dem Rückweg werden wir Zeuge des im Lonely Planet beschriebenen "Schulbuch Scams" und ganz ehrlich, die Jungs sind gut - hätten wir vorher nicht darüber gelesen, vielleicht wären wir drauf reingefallen. Aber ich greife vor, also von vorne: Auf dem Fußweg werden wir von 2 Jungs (Johannes und ?) angesprochen, sie wüssten jede Hauptstadt Europas und wir sollen sie testen. David fragt nach den Hauptstädten von Ländern wie Ukraine, Serbien, Albanien etc. und unsere armen Jungs kommen ganz schön ins Straucheln. Ich erlöse sie und frage nach den Hauptstädten von Deutschland, Spanien und Italien und die zwei können mit ihrem Wissen glänzen. Sie erzählen uns von der Schule, dass sie Medizin studieren wollen, von der Hütte in den Bergen, wo sie uns zum Tee einladen wollen, damit wir ihre Oma kennen lernen und sie sind wirklich zuckersüß und sympathisch. Dann schenken sie uns einen Kreuzanhänger. Einfach so, damit wir sie nicht vergessen. "We really don't want money, we're students, we don't ask for money. We just want you to remember us when you're back in Germany." Und dann verabschieden sie sich und gehen tatsächlich. Wir sind baff! Natürlich haben wir die ganze Zeit damit gerechnet, dass sie nach Geld fragen und sie haben es nicht getan! Erst am nächsten Tag sehen wir sie wieder. Sie drucksen erst ein bisschen rum, fragen ob wir die Kette noch haben und dann erzählen sie davon, dass sie in der Schule nicht genügend Bücher haben und das Bücher so teuer sind. Sie betonen nochmal, sie wollen kein Geld von uns, aber ob wir ihnen ein Schulbuch kaufen könnten. Weil sie doch Medizin studieren wollen. Die Jungs haben definitiv unsere Symphatie gewonnen. Sie waren sehr glaubhaft und wir würde ihnen gerne was geben und ihnen helfen, ihren Traum zu verwirklichen. Aber genauso steht es im Lonely Planet und dass sie nach dem Kauf sofort das Buch, die Stifte oder was auch immer ihnen gekauft wurde wieder gegen Geld umtauschen werden. Und wir kaufen ihnen nichts. Ein komisches Gefühl bleibt und der Gedanke, vielleicht war ja an der Geschichte wirklich was dran?! Aber eins haben die Jungs geschafft - wir haben und werden sie nicht vergessen.


Am Abend (25.12.) gehen wir auf Empfehlung von Abush (unser "Vetrauter" im Hotel, der uns auch fährt und unseren Guide für die Kirchentour organisiert hat, sich also quasi um uns kümmert) in ein tolles Restaurant "Ben Ababa" (Welcome Flower) - ein wunderschönes architektonisches Wunderwerk, welches ganz klar NICHT typisch äthiopisch ist, sondern für die Touristen in Lalibela. Hier verbringen wir dann nach dem verpatzten Heiligabend doch noch ein schönes Weihnachten. 
Ich finde es spannend, wie unterschiedlich man ein und dasselbe erleben kann und wie anders die Ansichten sein können, je nachdem, welche Erfahrungen man vorher gemacht hat. Meine Meinung über Addis Abeba habe ich ja schon geschildert. Ich habe nicht wirklich "Angst" in der Stadt oder fühle mich unsicher, aber ich fühle mich dort auch nicht wohl. Es ist mir zu voll, zu laut, zu arm, einfach zu krass. Außerhalb von Europa bin ich bisher aber auch nur in Australien und den USA gewesen - und das ist wirklich vergleichbar mit Europa. Tina aus Kairo dagegen empfindet Addis ganz anders. Sauberer, sicherer, weniger sichtbare Armut und besser organisiert als Kairo. Sie wohnt seit ein paar Monaten dort und fühlt sich pudelwohl. In Kairo traut sie sich nachts als Frau nicht alleine auf die Straße. Hier schon.



Unser Plan, mit dem Bus am nächsten Tag nach Bahir Dar zu fahren, wird uns schnell ausgeredet (10 Stunden Fahrt auf schlechten Straßen) und wir entscheiden uns zu fliegen. Leider kann man von Lalibela nicht nach Bahir Dar fliegen, sondern nur nach Gonder und das auch erst am übernächsten Tag. (Wir haben leider dadurch keine Zeit mehr nach Bahir Dar zu kommen wegen unserem Flug nach Kenia und wenn ich die Fotos von Tina sehe, finde ich es echt schade - und habe mindestens einen Grund für eine weitere Reise nach Äthiopien!) Na gut, so haben wir am nächsten Tag unfreiwillig einen freien Tag in Lalibela, welcher auch der erste Tag ist, an dem wir nichts vorhaben, was sich eigentlich als ganz angenehm herausstellt. Wir entscheiden uns gegen jegliche Aktivitäten und machen einen Tag lang NICHTS - direkt in Lalibela gibt es außer den Kirchen auch wirklich nichts zu tun. Wir schlafen lange, frühstücken spät, schlendern herum, kaufen Souvenirs (dafür ist Lalibela vermutlich auch der beste Ort, woanders in Äthiopien ist man nicht auf Touristen eingestellt), essen und trinken - nach 10 Tagen Action ist dies ein perfekter Tag! 
An diesem Abend haben wir meiner Meinung nach das beste Essen dieser Reise, "Kai Wat" - ein Art Lammeintopf mit, wie könnte es anders sein, natürlich "Injera".
Da fällt mir auf, dass ich bisher noch gar nicht das Essen erwähnt habe: Es ist toll! Äthiopisches Essen ist nur zu empfehlen! (Auch in Deutschland! Es gibt hier in Frankfurt sehr viele äthiopisch-eritreische Restaurants, David und ich haben davon bisher schon einige probiert und es schmeckt auch hier in Deutschland gut und authentisch, auch wenn es z.T. Gerichte gibt, die wir in Äthiopien nicht entdeckt haben und umgekehrt.) Die Basis von äthiopischen Essen ist das Injera, eine Art Sauerteig-Pfannkuchen, der traditionell mit dem Getreide Teff gemacht wird. Dazu gibt es Soßen aller Art, gut gewürzt und meistens mit Fleisch (meistens Lamm). Einfach lecker!




Kommentare:

  1. Ganz interessante Schilderungen - ich glaube, das sollten wir uns unbedingt auch mal selbst ansehen...
    Gruß Heinrich

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    1. Ja das solltet ihr, ist auf jeden Fall ne Reise Wert!

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