Freitag, 8. Februar 2013

Afrika Afrika II

Addis Abeba - Great Rift Valley - Hawassa

Am nächsten Morgen verlassen wir die Stadt früh und langsam. Der Verkehr zieht sich zäh wie Kaugummi durch die Straßen. Jede Gelegenheit zu Überholen wird von unserem Fahrer Samuel genutzt. Nicht nur von ihm. Die Leute hier fahren wie verrückt und davon abgesehen dass ich ja eh ungerne Auto fahre, bin ich extra froh nicht selber fahren zu müssen.


Sobald die Sonne aufgeht sind auch wieder die Menschen zu Fuß unterwegs. Auch als wir die letzten Häuser schon lange hinter uns gelassen haben, laufen sie am Rand der Straße entlang. Kinder in Schuluniformen und Erwachsene mit nichts außer der Kleidung am Leib oder auch vollgepackt mit Säcken und Körben. Und Tiere. Je weiter wir uns von der Stadt entfernen, desto weniger Menschen sind auf den Straßen unterwegs (und es sind immer noch viele, nie ist die Straße wirklich leer) und desto mehr Tiere begleiten sie. Packesel, Ziegenherden, Kuhherden, Pferde. Kinder treiben sie vor uns über die Straße und mehr als einmal müssen wir wegen ihnen anhalten. Was am Anfang noch dazu führte, hektisch unseren Fotoaparat heraus zu holen, ist schon am Ende des Tages kaum noch einen Blick wert, so häufig passiert es. 





Unser erster Stop ist am Lake Ziway, dem See an dem Davids Urgroßeltern vor 100 Jahren Land und eine Farm besaßen. Allerdings war das auf der anderen Seite des Sees. Der See selber ist eigentlich nicht so schön. Das Wasser ist ziemlich schmutzig - trotz der gesundheitlichen Gefahren schwimmen ein paar Afrikaner in dem Wasser. Hier sehen wir auch die ersten "wilden" Tiere - Vögel! Marabou Störche und Pelikane und ein paar andere, deren Namen ich nicht weiß.





Nach einem kurzen Halt geht es weiter und am Eingang zum "Lake Abiata / Lake Shalla" Nationalpark sammeln wir einen Ranger ein. Am Lake Abiata fahren wir durch eine karge, leere Landschaft. Kaum hält unser Auto, kommen aus dem Nichts Kinder angerannt und ein Mann mit einem Speer, welchen er David für ein Foto in die Hand drückt. Mit dem Ranger und den anderen Männern (die Kinder sind schon verscheucht worden) laufen wir zu dem See, wo wir weitere Vögel sehen - Flamingos! Wir hatten gar nicht erwartet, an diesem Tag schon Wildlife zu sehen und es freut uns umso mehr. Später sehen wir noch Sträuße und Gazellen. Und überall, selbst in der tiefsten Einöde, tauchen Menschen auf. An einem Aussichtspunkt über die Seen Abiata und Shalla baut plötzlich ein Mann Souvenirs vor uns auf. Bevor wir uns von dem Ranger mit einem vermutlich übertriebenem Trinkgeld verabschieden (anfangs haben wir immer zuviel Trinkgeld gegeben, auch gegen Ende noch, aber wir haben uns später "belehren" lassen - was für uns wenig ist, ist hier eben eine Menge Geld), machen wir noch einen Stop an den Hot Springs von Lake Shalla, wo die heißen Quellen nur so vor sich hin blubbern.




Nach einem Lunchstop bringt Samuel uns dann am nachmittag nach Hawassa, einer wunderschönen kleinen Stadt, die von allen Städten (in Äthiopien und Kenia) unser Liebling wurde, auch wenn wir natürlich nicht in soooo vielen Städten waren. Hawassa ist einfach schön, am See gibt es viele Cafés, die Leute sind freundlich und weniger aufdringlich. Es wirkt sauberer und selbst die armen Gegenden wirken besser als die guten Gegenden in Addis. Die Kinder sind wunschlos glücklich, wenn man ihnen einfach nur "selam" sagt und die Hand gibt. Erst hier angekommen bemerke ich, wie sehr mich der Trubel in Addis eigentlich gestresst hat. Das die Stadt uns so gefiel hat sicher auch damit zu tun, dass wir hier unseren schönsten Couchsurfing Aufenthalt hatten (zumindest für mich). Matt, ein Engländer, der mit seiner Verlobten Jose, zwei Katzen und Brook zusammen lebt. Naja mittlerweile nur noch mit einer Katze, die Straßenkätzchen haben die Entwurmungskur nicht so gut verkraftet und als wir da waren schwankten sie wie Betrunkene durch die Wohnung. Während eine dritte Katze ein paar Tage vor unserer Ankunft starb, segnete die Zweite ein paar Tage später das Zeitliche. Eine Katze ist aber wie Matt uns noch vor einer knappen Woche geschrieben hat putzmunter. 

Die Story um Brook herum ist es Wert hier erwähnt zu werden und ich bewundere Matt und Jose dafür. Brook ist ein Mädchen, vermutlich 11 Jahre, welches aus einer armen Familie südlich von Hawassa kommt. Zum Geld verdienen sind sie und ihr älterer Bruder nach Hawassa gekommen. Brook hat in einem Lokal (?) gearbeitet, wo man Tischtennis spielen konnte und dort Matt und Jose kennen gelernt. Die zwei haben sie häufiger gesehen und ins Herz geschlossen. Dann war sie irgendwann nicht mehr da und niemand konnte ihnen sagen, wo sie war - nur dass sie zur Mutter in den Süden gegangen war oder so. Etwas später trafen sie Brook wieder. Sie verkaufte nun Popkorn am See. Dabei verdiente sie umgerechnet etwa 2€ im Monat. Im übrigen verkaufte sie Popkorn im Wert von 2€ jeden Tag! Kurzerhand sprachen Matt und Jose mit Brook's älterem Bruder, nahmen sie bei sich auf und ließen sie im Haushalt helfen. Dafür lassen sie sie bei sich wohnen und ermöglichen es ihr zur Schule zu gehen. Brook ist ein schlaues Mädchen. Mit geschätzten 11 Jahren geht sie nun zum ersten Mal in die Schule, lernt Lesen und Schreiben und Englisch und Rechnen. Brook ist sehr hilfsbereit, einmal als ich mir die Schuhe anziehe, kommt sie sogar dazu um mir zu helfen. Es ist mir schon etwas peinlich, aber für sie ist das selbstverständlich. Wenn ich in der Bar auf der Toilette dumm angequatscht werde, steht sie daneben und weicht mir nicht von der Seite. Brook ist es auch, die uns beim Trinkgeld in die Schranken gewiesen hat. Über Matt lässt sie uns wissen, wieviel wir maximal geben sollten. Obwohl Brook auch eine "Bedienstete" ist und es Matt und Jose wichtig ist, sie nicht zu verwöhnen (sie können sie schließlich nicht adoptieren), behandeln sie das Mädchen mehr wie eine Nichte oder Freundin. Abends wenn wir ausgehen kommt Brook selbstverständlich mit. Auf dem Heimweg hält sie Jose's Hand. Jose kontrolliert ihre Hausaufgaben und Brook präsentiert stolz ihr Alphabet. Es ist wahrscheinlich das Schönste, was ich in Äthiopien sehe, dieses Dreiergespann.


Brook, Matt, Jose (not my picture, I got it from Matt's facebook)






Kommentare:

  1. Hallo Verena -

    ich muss dich gleich bestätigen: Du schreibst sehr anschaulich und lebendig, es macht Spaß, das zu lesen. Und neugierig auf mehr!
    Also bloß weiter machen...

    Schöne Grüße von
    Heinrich
    (dem alten Deutschpauker)

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  2. Liebe Verena,
    dein Blog gefällt mir inhaltlich und sprachlich wirklich sehr, zusammen mit den Fotos kann man sich gut vorstellen, was ihr erlebt habt. Und weil ich ja selber eine besondere Beziehung zu diesem Land habe - leider ohne bis jetzt da gewesen zu sein - bin ich wie Heinrich neugierig auf weitere Berichte!
    Bitte weiter schreiben!

    bis bald! Katja

    dies ist mein erster Eintrag in einen Blog überhaupt - wenn es mir jetzt noch gelingt, ihn einzustellen.........

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